Zum Hauptinhalt springen

Wenn Lesen zur Suchaufgabe wird

Ein Text kann vollständig vor uns liegen – und trotzdem schwer zugänglich sein. Mit diesen Beispielen aus der CVI-Werkzeug-Kiste können Eltern, Förderlehrkräfte und andere pädagogische Fachkräfte erkunden, wie unterschiedliche Darstellungen das Lesen erschweren.

Alle Varianten verwenden denselben Text. Beim Lesen einiger Sätze lässt sich beobachten: Wo gerät der Lesefluss ins Stocken? Wann ist ein erneutes Ansetzen nötig? Wie viel Aufmerksamkeit kostet es, die eigene Stelle wiederzufinden?

Die Textvarianten

Die beiden Versionen zeigen, wie enge Abstände und Buchstabenvertauschungen das Lesen erschweren können. Dabei kommen unterschiedlich starke Veränderungen zum Einsatz.

Version 1: Wenn Buchstaben ineinanderlaufen und Wörter fremd werden
Ein zusammenhängender Text mit vielen Informationen auf einer Seite bildet den Ausgangspunkt. Verringerte Abstände lassen Buchstaben und Wörter eng zusammenrücken und erschweren das Abgrenzen einzelner Zeichen. Diese Gestaltung greift das Thema Crowding auf.

Zusätzlich werden ähnliche Buchstaben vertauscht: n/m, a/o, b/d und p/q sowie M/N, V/U, F/P und D/O. Auch das große I und das kleine l werden miteinander ausgetauscht. Vertraute Wörter lassen sich dadurch schwerer erkennen und müssen teilweise mühsam entziffert werden.

Version 2: Kleine Veränderungen, spürbare Erschwernis
Diese Variante kombiniert enge Abstände mit weniger Buchstabenvertauschungen: Hier werden ausschließlich die Kleinbuchstaben m/n und b/d ausgetauscht. Der Text bleibt näher am Original und verlangt dennoch genaueres Hinschauen und wiederholtes Lesen. So lässt sich beobachten, dass bereits weniger umfangreiche Veränderungen den Lesefluss stören können.

Bei beiden Versionen steht die Frage im Mittelpunkt: Wie viel Aufmerksamkeit kostet das Erkennen der Wörter – und wie viel bleibt für das Verstehen des Inhalts?

Die Buchstabenvertauschungen sind bewusst gestaltet, um Unsicherheiten beim Erkennen und Unterscheiden von Zeichen zu veranschaulichen. Nicht alle verwendeten Paare sind reine Raumlageverwechslungen.

Die Simulations-Videos

Video 1: Die Zeile verliert ihren festen Verlauf
Im ersten Video bewegen sich Teile der Textzeilen nach oben und unten. Benachbarte Zeilen nähern sich an und überlagern sich stellenweise. Beim Weiterlesen lässt sich beobachten, wie gut es gelingt, die Zeile zu verfolgen und anschließend den richtigen Zeilenanfang zu finden.

Video 2: Mehrere Erschwernisse kommen zusammen
Das zweite Video verbindet den dicht gesetzten Text mit vertauschten Buchstaben und bewegten Zeilen. Ausgetauscht wurden n/m, a/o, b/d und p/q sowie M/N, V/U, F/P, D/O und das große I mit dem kleinen l.

Während die veränderten Wörter entschlüsselt werden, bewegen und überlagern sich zugleich die Zeilen. Das Lesen einiger Sätze mit anschließender Wiedergabe des Inhalts macht eine zentrale Frage erfahrbar: Wie viel Aufmerksamkeit bleibt für das Verstehen, wenn schon das Entziffern und das Halten der Zeile so viel Konzentration verlangen?

Sinnentnehmendes Lesen ausprobieren

Die Videos lassen sich als kleine Selbsterfahrung in einem Elterngespräch, einer Teamsitzung oder einer Fortbildung einsetzen. Eine mögliche Aufgabe besteht darin, während der laufenden Animation einige Sätze zu lesen und anschließend mit eigenen Worten wiederzugeben, was darin passiert. Alternativ kann vorab eine konkrete Frage zum Inhalt gestellt werden.

Für den anschließenden Austausch bieten sich folgende Fragen an: Wie viel Aufmerksamkeit floss in das Entziffern und das Halten der Zeile? Wie viel blieb für den Inhalt übrig? Mussten Sätze mehrfach gelesen werden? Auch wer einen Text laut vorlesen kann, hat seinen Inhalt nicht automatisch erfasst.

Die Übung dient dem gemeinsamen Erkunden von Barrieren. Sie ist kein Test und erlaubt keine Rückschlüsse darauf, wie eine bestimmte Person mit CVI liest.

Video 3: Wenn beim Lesen nur ein kleiner Ausschnitt erfasst wird
Dieses Video hat Violetta Rossi gestaltet. Es veranschaulicht das Lesen, wenn jeweils nur wenige Buchstaben gleichzeitig erfasst werden können. Wörter und Sätze müssen aus kleinen Ausschnitten zusammengesetzt werden. Bereits Gelesenes muss im Gedächtnis bleiben, während der nächste Teil erschlossen wird.

Das Video bietet einen Gesprächsanlass zu Simultanagnosie und einem eingeschränkten visuellen Aufmerksamkeitsfeld beim Lesen. Es ist eine persönliche Veranschaulichung von Violetta Rossi und keine allgemeingültige Darstellung dieser Wahrnehmungsschwierigkeiten.

Erschöpfung kann die Schwierigkeiten verstärken

Die Zugänglichkeit eines Textes kann sich im Tagesverlauf verändern. Mit zunehmender Erschöpfung können das Unterscheiden von Zeichen, das Verfolgen der Zeile und das Verstehen des Inhalts schwerer fallen. Ein Text, der morgens noch bewältigt werden konnte, kann nach einem anstrengenden Schultag deutlich mehr Kraft kosten.

Die Videos zeigen eine festgelegte Bewegung. Sie bilden diese individuellen Schwankungen nicht ab, können aber einen Gesprächsanlass dafür bieten: Wie verändert sich Lesen, wenn die verfügbare Energie nachlässt?

Was lässt sich daraus für den Alltag mitnehmen?

Die Beispiele laden dazu ein, Schulbücher, Arbeitsblätter und digitale Materialien aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wenn ein Kind stockt, Wörter verwechselt oder die Zeile verliert, lohnt sich auch ein Blick auf die Darstellung des Materials und seine aktuelle Belastung.

Für Eltern und Förderlehrkräfte können daraus konkrete Fragen entstehen: Was verändert sich durch mehr Abstand, weniger Text auf einer Seite oder das Abdecken benachbarter Zeilen? Wann braucht es eine Pause oder einen anderen Zugang, beispielsweise durch Vorlesen? Welche Gestaltung erleichtert diesem Kind den Zugang? Das lässt sich gemeinsam ausprobieren und beobachten.

Zur Einordnung: Diese Beispiele sind gestaltete Annäherungen an einzelne Schwierigkeiten. Sie zeigen nicht, wie alle Menschen mit CVI sehen, und bilden CVI nicht vollständig ab. Crowding bedeutet beispielsweise nicht zwangsläufig, dass Buchstaben sichtbar verschwimmen; auch das Verlieren der Zeile setzt keine wahrgenommene Bewegung voraus. Die Beispiele sollen zum Nachdenken, zum Austausch und zur individuellen Anpassung von Materialien anregen.

Leseprobe

2 Downloads

Leseprobe 2

1 Download

Video Vers. 1

1 Download

Video Vers. 2

1 Download

Video Vers. 3

1 Download